Jobcenter Unterallgäu weint sich aus - und niemanden interessiert´s

Der Titel dieses Beitrages fiel mir spontan ein, als ich das als "Klageerwiderung" getarnte seitenweise Lamento des Jobcenters las.

Das Gericht hat diese neuerliche Bankrotterklärung des Jobcenters jedenfalls überhaupt nicht beeindruckt.

 

Die erste Frage, die sich mir stellte, war: was hat das alles mit einer Feststellungsklage zu tun, bei der es darum geht, die Rechtsgültigkeit einer so genannten Eingliederungsvereinbarung zu überprüfen?

Wenn Ihr auch der Meinung seid: "Nichts", dann könnt Ihr vielleicht meinen nächsten Gedanken folgen:

 

Hier musste sich das Jobcenter endlich mal seinen ganzen Frust von der Seele schreiben.

Das ist aber auch frustrierend, wenn es einem in 8 Jahren, nach 48 "Vermittlungsvorschlägen" (die Buchführung scheint jedenfalls zu funktionieren), 9 "Eingliederungsvereinbarungen" und diverser "Massnahmen" nicht ein einziges Mal gelingt, jemanden mit einer "überdurschsnittlichen Qualifikation" - Zitat Klageerwiderung - in den Arbeitsmarkt zu "integrieren" und dann auch noch das "Lieblingsspielzeug" namens "Eingliederungsvereinbarung" von der Vernichtung bedroht ist. Mir kamen beim Lesen dieses Pamphlets auch die Tränen - vor Lachen!

 

 

Hier wieder ein paar Anmerkungen:

Die so genannte "Förderung der Weiterbildung" dauerte 4 Monate. EIGENTLICH war diese Überwachungs- und Schikanemassnahme, bei der ich meine heutige Frau kennenlernte - dafür herzlichen Dank, liebes Jobcenter! - auf 6 Monate angesetzt. Dreimal dürft Ihr raten, weshalb das JOCBENTER sie bereits nach 4 Monaten beendete... Der Gentleman schweigt - jedenfalls manchmal.

Und die Arbeitsgelegenheit, die bereits nach kurzer Zeit beendet wurde? Ja, warum denn wohl, liebes Jobcenter? War da irgendwas mit komplett rechtswidriger Arbeitsgelegenheit, die ich genau deshalb so vollständig auseinander nahm, dass sie anschließend dann - endlich - abgeschafft und mir seitdem nie mehr etwas ähnliches "angeboten" wurde?

 

Der "Brüller" ist diese Passage: "Im letzten Beratungsgespräch am 17.01.2013 wurde Herr Dr. Kleespies 2 Stunden ausführlichst über den §10 Zumutbarkeit informiert, nicht nur wegen der Anzahl der Eigenbemühungen, sondern weil er in seinem bisherigen Schriftverkehr mit dem Jobcenter unsere Vermittlungsvorschläge als "sinnlos" bewertete;..."

Also, dann mal der Reihe nach, liebes Jobcenter:

1.) Habe ich jemals um eine "Beratung" bezüglich §10 Zumutbarkeit gebeten? Nicht, dass ich das wüsste.

2.) Ich kenne überhaupt keinen "§10 Zumutbarkeit". Offensichtlich erfolgte hier also wieder - jedenfalls nach Aussage des Jobcenters - eine komplett sinnlose Beratung über einen Paragraphen, den es überhaupt nicht gibt.

3.) Abgesehen davon, dass ich sehr gerne mal sehen würde, wie jemand es schafft, "2 Stunden ausführlichst" über §10 SGBII - unterstellen wir mal, dass der hier wohl gemeint war - zu schwadronieren, ohne dass irgendein Gegenüber anschließend wegen eines Nervenzusammenbruchs verursacht durch permanente Lachkrämpfe abtransportiert werden müsste, liefert das Jobcenter in seiner Klageerwiderung den unschlagbaren BEWEIS dafür, dass sämtliche bisherige so genannte "Vermittlungsvorschläge" sinnlos waren. Wie war das noch?: Trotz "überdurchschnittlicher Qualifikation" und 48 "Vermittlungsvorschlägen" ist es dem Jobcenter bisher nicht gelungen, mir eine Tätigkeit zu vermitteln, die meine - ich zitiere - "Hilfebedürftigkeit mindern oder beenden könnte".

Jetzt weinen wir aber alle mal ganz, ganz, kräftig mit, gell?

 

Hier sehen wir sehr deutlich DEN Urkonstruktionsfehler des gesamten "Hartz-IV"-Konstruktes: massive WELTFREMDHEIT.

 

Es reicht eben nicht aus, durch Abschaffung sämtlicher Beschränkungen, die vor "Hartz-IV" den Zeitarbeitsfirmen auferlegt waren, einen Niedriglohnsektor nie gekannten Ausmasses und unbeschreiblichen Lohndumpings zu provozieren (die Politik "war´s mal wieder" nicht; die bösen Zeitarbeitsfirmen haben das alles gemacht - aber wer hat es ihnen denn ERMÖGLICHT?) und einen niedlichen §10 in das SGBII einzupflanzen.

Die Lebenswirklichkeit, werte Politiker und Jobcenter-Mitarbeiter, sieht - GOTT SEI DANK - anders aus. Hier gelten nach wie vor die knallharten "Gesetze" des so genannten Arbeitsmarktes (den es spätestens seit "Hartz-IV" nicht mehr gibt, weil seitdem so gut wie alle Arbeitnehmer von vornherein die schlechteren Karten haben). Und eines der "ehernen Gesetze" dieses Arbeitsmarktes, die das Jobcenter nicht nur seit Jahren, sondern ganz konkret auch wieder in dieser Klageerwiderung leugnet, ist, na?: ÜBERQUALIFIZIERUNG.

Unter diesen Voraussetzungen ist es natürlich mehr als zielführend mich - angeblich - "2 Stunden ausführlichst über den §10 Zumutbarkeit" zu "beraten" und DAS dann auch noch großartig in einer "Klageerwiderung" breitzutreten.

Hilfloser, realitätsferner und absurder geht´s nimmer, oder?

 

In diesem Zusammenhang möchte ich noch auf einen anderen sehr wesentlichen Aspekt hinweisen. Das Jobcenter schreibt: "In Anbetracht der hervorragenden Qualifikation des Klägers (studierter Biologe mit Doktortitel summa cum laude mit der Note 1 abgeschlossen und Erfahrung im kaufmännischen Bereich als freiberuflicher Geschäftsführer)..." Und weiter: "Trotz der überdurchschnittlichen Qualifikation ist es dem Kläger bisher nicht gelungen, eine Tätigkeit aufzunehmen, die dessen Hilfebedürftigkeit mindern oder beenden könnte."

Hier sehen wir SEHR DEUTLICH, wie vollkommen unreflektiert und geradezu sklavisch das Jobcenter Unterallgäu der offiziellen Ideologie - die nichts weiter als eine bewusst herbeigeführte Illusion ist - anhängt, dass "wer gut qualifiziert ist, immer einen Arbeitsplatz bekommt."

Gerade WEIL es hier offensichtlich jemanden gibt, der all die Qualifikationen mitbringt, nach denen sich der Arbeitsmarkt angeblich die Finger leckt, aber "dennoch" seit mehr als 8 Jahren nicht einmal in die Nähe des "ersten Arbeitsmarktes" kam, sollte der so genannte "gesunde Menschenverstand" allmählich die offizielle Arbeitsmarkt-Ideologie, oder sagen wir ruhig: Propaganda, in Frage stellen.

Nichts von alledem geschieht hier. Das Jobcenter verwendet sehr deutlich den Begriff "Trotz (der überdurchschnittlichen Qualifikation)" und offenbart damit, dass es unter allen Umständen als Hüter eben dieser Propaganda auftreten will oder vielleicht auch muss.

 

Hier sollten wir vielleicht einmal ganz kurz innehalten und uns die Frage stellen, WOZU eine solche Propaganda denn überhaupt nützlich sein könnte, wenn sie mit solcher Verve auch um den Preis der offensichtlichen Lächerlichkeit verteidigt wird.

Nun, die Antwort scheint mir mehr als offensichtlich zu sein: GERADE DIE GUT QUALIFIZIERTEN sollen mit allen Mitteln davon abgehalten werden, die komplette Absurdität des "Hartz-IV"-Konstrukts zu durchschauen. Gerade sie verfügen nämlich sowohl über die notwendige Bildung als auch die Möglichkeiten, sich die Informationen zu beschaffen, die augenblicklich den geradezu grotesken Unfug von "Hartz-IV" offenbaren.

Hier muss von offizieller Seite mit aller Macht eine Propaganda entgegen gesetzt werden, die diese Menschen immer wieder an sich selber und ihren Schlussfolgerungen zweifeln lässt: Wenn immer wieder "die Politiker" angebliche Statistiken zitieren, die angeblich aussagen, dass "Gut Qualifizierte" schnell und leicht einen neuen "Job" finden, liegt es dann vielleicht doch an mir? Mache ich doch etwas falsch? Hätte ich in der Vergangenheit etwas anders machen sollen oder müsste ich mich vielleicht "noch mehr" bemühen? Müsste ich mich vor allem mehr bemühen, "dem System" - endlich - gerecht zu werden, um als braver Bürger endlich wieder das angeblich wertvollste im Leben zu bekommen, eine Arbeit, die mich ernährt?

N E I N!!! Wacht auf und erkennt: Es handelt sich hier NUR UM IDEOLOGIE, um PROPAGANDA, um ABLENKUNGSMANÖVER, damit das uralte römische Prinzip "Divide et Impera" - Teile und herrsche - nach wie vor aus einem einzigen Grund angewendet werden kann: um die Macht und die bestehenden Strukturen, die weltfremder und menschenverachtender kaum sein könnten, unter allen Umständen so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Um der MACHT WILLEN. Und um des sozialschmarotzenden Gelderwerbs willen. Ich habe schon an anderer Stelle darauf hingewiesen, dass Erwerbsarbeit in unserem heutigen Geld- Wirtschafts-, und politischen System in Wahrheit nur einigen Wenigen nützt: den so genannten Superreichen, denen so gut wie alle Banken und alle Großkonzerne gehören und die über das Zinseszinssystem vollkommen automatisch, ohne auch nur "einen Finger zu rühren", in jeder Sekunde immer noch reicher werden...

Einen sehr interessanten Artikel zu diesem Thema gibt es - auf Englisch - hier: http://www.activistpost.com/2013/01/who-runs-world-solid-proof-that-core.html

 

Das LEBEN, liebe Freunde, unterliegt gänzlich anderen "Gesetzmässigkeiten" als ein Großteil der heute lebenden Politiker wahrscheinlich jemals weder verstehen noch anzuerkennen bereit ist...

 

Mir fiel aber insgesamt etwas anderes auf: Merkt Ihr, wie sich hier jemand, entweder der eine oder mehrere Verfasser dieser Schrift, ganz unbewusst zum "Opfer" macht? Entweder des bösen Dr. Kleespies oder "der Umstände"?

Und das, liebe Freunde dieses Blogs ist PERFEKT!

Warum?

Weil der oder die Jobcenter-Mitarbeiter jetzt - möglicherweise zum allerersten Mal nach jahrelanger unangefochtener "Täterschaft" - FÜHLEN, wenn auch vielleicht noch sehr unbewusst, wie es sich ANFÜHLT, wenn man "Opfer" ist; wenn man sich noch so abstrampelt und einfach nicht das Ergebnis kommen will, das man so sehnlichst herbeiwünscht.

Aus diesem Gefühl der Machtlosigkeit oder des "Opfer-Seins" heraus - das Jobcenter wurde jetzt vollständig ausgebremst und nahezu zur Handlungsunfähigkeit verdammt - KÖNNTE sich ganz allmählich eine andere Geisteshaltung im Jobcenter entwickeln. Dann hätte sich die ganze Energie, die ich hier investiere, wirklich gelohnt...

 

Wenn Ihr jetzt geglaubt  habt, der "Brüller" sei schon das beste gewesen, dann kommt hier etwas noch viel besseres - da konnte ich mich wirklich kaum noch Halten vor Lachen:

"Im letzten Beratungsgespräch am 17.01.13) gab der Kläger an zwar keinen eigenen PKW zu besitzen, er kann jedoch frei über einen verfügen... Inwiefern diese Angebote durch den Kläger hiernach in Anspruch genommen bzw. beantragt werden (z. B. PKW-Gutschein), obliegt hiernach dem Kläger selbst". Au, au, au. Vielleicht mal einen Interpunktions- und Stilistikkurs besuchen (bietet "Hartz-IV" so etwas an?), aber das nur nebenbei ;-).

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: OBWOHL das Jobcenter ganz genau wusste, dass ich FREI über einen PKW verfügen kann, findet sich unter "Leistungen des Jobcenters" das Angebot, einen PKW-Gutschein zu beantragen, der mir die - na, was jetzt? - freie Verfügbarkeit über ein zu leasendes Fahrzeug ermöglicht.

Super, Jobcenter! Eine KOMPLETT SINNLOSE und ebenso ÜBERFLÜSSIGE "Leistung" wird als solche deklariert und dann auch noch so zu rechtfertigen versucht: "...in seinem Fall ist die Ausgewogenheit von Leistung und Gegenleistung bei Betrachtung des Gesamtvorganges sehr wohl gegeben."

Da fällt mir gleich ein, was ich beim nächsten Mal als Leistungen in der so genannten "Eingliederungsvereinbarung" anbiete: ich gebe dem Jobcenter meine Adresse an. Aber nur gegen ordentliche Gegenleistung, gell?

 

Dieses Beispiel zeigt ÜBERDEUTLICH, wie die so genannten "Eingliederungsvereinbarungen" in Wahrheit entstehen: aus vorgefertigten Textblöcken wird LANGE VOR DEM Termin etwas zusammen geschustert, das dann als "Vereinbarung" deklariert wird. Es wäre natürlich auch zu viel verlangt gewesen, den völlig lachhaften PKW-Gutschein wieder aus der "Eingliederungsvereinbarung" zu entfernen. Dazu war ja auch nach 2 Stunden ausführlichster "Beratung" über  "den §10 Zumutbarkeit" nun wirklich keine Zeit mehr. Ganz klar. Ich bin ja schließlich verständnisvoll.

Was mich jetzt im Nachhinein wirklich wurmt: da ja die "Eingliederungsvereinbarung" nun nicht rechtskräftig geschlossen wurde, kann ich jetzt keinen Rechtsanspruch auf den PKW-Gutschein mehr geltend machen. So ein Mist aber auch. Wieder vorher nicht richtig nachgedacht!

 

Wie ich an anderer Stelle schon sagte: "Hartz-IV" bietet mir wirklich alles - inklusive Live-Komödie!

 

E-Mail

Kommentare   

0 #3 RE: Jobcenter Unterallgäu weint sich aus - und niemanden interessiert´sKarl K. 2013-02-20 16:10
zitiere Matthias - Admin:
Hallo Karl,
vielen Dank für Deinen Kommentar!
Dass das Jobcenter in seinem Widerspruchsbescheid nicht auf die fehlende RFB eingeht, ist doch wieder völlig klar!
Wir wissen doch alle: Papa Jobcenter hat IMMER Recht, gell?

Viel Erfolg mit Deiner Klage! Deren Ausgang scheint mir jetzt schon klar zu sein :D



Hallo Matthias,

die RFB fehlt nicht, sie ist aber definitiv falsch!

Vielleicht könnte man künftig in einem Widerspruch gegen einen EGV-VA argumentieren, dass die Integration trotz permanenten Abschlusses von EGV´s nicht gelungen ist. So ist dieses Instrument wirkungslos uns sinnlos uns sollte künftig nicht mehr genutzt werden. Schließlich sind die bisher gewonnenen Erfahrungen in der EGV zu berücksichtigen .
+1 #2 Re.: Wieder einfach Klasse!Matthias - Admin 2013-02-20 13:51
Hallo Karl,
vielen Dank für Deinen Kommentar!
Dass das Jobcenter in seinem Widerspruchsbes cheid nicht auf die fehlende RFB eingeht, ist doch wieder völlig klar!
Wir wissen doch alle: Papa Jobcenter hat IMMER Recht, gell?

Viel Erfolg mit Deiner Klage! Deren Ausgang scheint mir jetzt schon klar zu sein :D
+1 #1 Wieder einfach Klasse!Karl K. 2013-02-20 13:18
Hallo Matthias,

diese Komödie nimmt ja offenbar nie ein Ende. Aber warum bist du auch so gemein zum lieben Papa Jobcenter?

Heute war übrigens ein Widerspruchsbes cheid in der Post. Ich habe mich vor lachen kaum halten können.

Die schreiben, dass ich die EGV ablehnte und blablabla, aber auf die fehlende RFB gehen die gar nicht ein. Naja, dann muss eben das SG mal wieder entscheiden.

Jetzt habe ich einen "kleinen Gruß" in Form einer Klage soweit fertig und gebe diesen heute Nachmittag noch in die Post.

Also, viele Grüße

Karl

Ohne Eingabe Ihrer email-Adresse haben Sie kein Recht, hier einen Kommentar zu schreiben.